Die Jahre des Ibn Sina · Kapitel 2. Alle zwei Wochen donnerstags ein neues Kapitel. Hier geht es zu Kapitel 1.
Die Antwort hinter dem Vorhang
Es gibt Augenblicke, in denen ein Kind älter ist als die Erwachsenen um es herum, und es gibt Augenblicke, in denen es das selbst bemerkt. Für al-Husain, den Sohn des Abdallah, fielen beide in jenen Abend, an dem ein Gast in die Runde fragte, wo die Seele sitze, und niemand antwortete.
Der Vorhang, hinter dem er lag, war aus grober Wolle, im Muster der Teppichknüpfer von Balch gewebt, rot und dunkelblau, und an einer Stelle, auf Höhe seines Gesichts, war er so dünn gescheuert, dass man das Licht der Öllampe hindurchsah wie durch eine Wolke. Durch diese Wolke hatte er an vielen Abenden die Männer betrachtet: ihre Bärte, ihre Hände, die beim Reden Kreise in die Luft malten, die Teeschalen, die auf dem Tuch zwischen ihnen kalt wurden, weil niemand mehr an sie dachte. Er kannte inzwischen ihre Stimmen besser als ihre Gesichter. Der eine sprach leise und langsam, als zähle er jedes Wort, bevor er es hergab. Der andere sprach schnell und lachte zwischen den Sätzen. Und der dritte, der die Frage gestellt hatte, sprach überhaupt nur, wenn er glaubte, etwas sagen zu können, das die anderen verstummen ließ.
Al-Husain schob den Vorhang zur Seite und trat in den Lichtkreis.
Sein Vater hob die Brauen. Mahmud, der kleine Bruder, der auf einem Kissen in der Ecke eingeschlafen war, rührte sich nicht. Die drei Gäste sahen den Jungen an, wie man einen Vogel ansieht, der sich ins Zimmer verflogen hat: überrascht, ein wenig belustigt, und mit der stillen Gewissheit, dass er gleich wieder hinausflattern wird.
„Wenn die Seele im Herzen säße", sagte al-Husain, „dann müsste ein Mann, dem man in der Schlacht den Arm abschlägt, einen Teil seiner Seele verlieren. Aber er bleibt doch derselbe. Er erinnert sich an alles. Er liebt dieselben Menschen. Also kann die Seele nicht in Stücken in ihm liegen wie Getreide in einem Sack."
Es wurde so still, dass man das Öl in der Lampe knistern hörte.
Der schnelle Gast lachte als Erster, aber es war ein anderes Lachen als sonst, kürzer, und es brach mittendrin ab. Der leise beugte sich vor. „Und wo sitzt sie dann, kleiner Gelehrter?"
„Das weiß ich nicht", sagte al-Husain. „Aber ich weiß, dass eure Antwort nicht stimmt."
Abdallah schickte ihn ins Bett, mit einer Stimme, in der ebenso viel Stolz lag wie Strenge. Doch als der Junge den Vorhang wieder hinter sich zuzog, hörte er, wie die Männer ihr Gespräch nicht wieder aufnahmen, sondern ein neues begannen. Sie sprachen nun von Dingen, die man messen konnte. Von der Geometrie, in der ein Dreieck auf der ganzen Welt dieselben Winkel hat, ob man es in Buchara in den Sand zeichnet oder in Kairo auf Papyrus. Und von einer Art zu rechnen, mit neun Zeichen und einem zehnten, das gar nichts bedeutete und trotzdem alles veränderte.
Al-Husain lag noch lange wach in dieser Nacht. Er dachte nicht mehr an die Seele. Er dachte an das Zeichen, das nichts bedeutete.
Später, als er ein alter Mann war und einem Schüler sein Leben diktierte, sagte er über diese Abende nur einen Satz, nüchtern wie ein Rezept: Er habe verstanden, was die Gäste sagten, aber seine Seele habe es nicht angenommen. Was er nicht sagte, ist, dass in diesen Nächten etwas anderes begann. Er hatte entdeckt, dass man einer Behauptung widersprechen kann, ohne eine bessere zu haben. Und dass man dann eben weitersuchen muss.
Der Markt am Morgen
Ein paar Tage später nahm ihn sein Vater an der Hand und führte ihn in den Basar. Man schrieb das Jahr 380 der Hidschra, nach der Zählung der Christen das Jahr 990, und der Herbst hatte die Stadt mit einem Licht überzogen, das alles älter aussehen ließ, als es war.
Wer Buchara in jenen Jahren nur von außen kannte, von den Lehmmauern, die sich um die Stadt zogen wie die Ringe um einen Baumstamm, der ahnte nicht, was in ihr steckte. Innen war sie ein einziges Gedränge. Die Gassen waren so eng, dass zwei beladene Esel einander nur mit Geschrei und Geschiebe passieren konnten, und über den Gassen hingen Matten aus Schilf, die den Sommer abhielten und im Herbst das Licht in Streifen schnitten, sodass jeder, der hindurchging, aussah wie ein Tiger. Kanäle durchzogen die Stadt, gespeist vom Fluss Serafschan, dessen Name „der Goldstreuer" bedeutet, und an ihren Rändern standen Maulbeerbäume, unter denen Kinder die schwarzen Früchte aßen, bis ihre Münder aussahen, als hätten sie Tinte getrunken.
Über allem lag die Zitadelle, der Sitz des Emirs, ein Hügel aus Mauern, so alt, dass niemand mehr wusste, wer den ersten Stein gelegt hatte. Und am Rand der Stadt, zwischen Gärten, stand das Grabmal der Samaniden, ein Würfel aus gebrannten Ziegeln, die so kunstvoll gesetzt waren, dass das Gebäude im Lauf eines Tages sein Gesicht wechselte: am Morgen blass wie Brot, am Mittag fast weiß, am Abend so rot wie die Glut in einem Backofen. Die Leute sagten, wer es einmal bei Sonnenuntergang gesehen habe, wolle nie wieder in einem Haus aus Lehm wohnen. Die meisten taten es trotzdem.
Der Basar roch nach allem zugleich. Nach Kreuzkümmel und Pferdemist, nach frischem Brot aus den Lehmöfen, nach dem Leder der Sattler und dem Rauch der Kupferschmiede, die ihre Töpfe mit kleinen Hämmern in Form schlugen, einen Schlag nach dem anderen, so gleichmäßig, dass man nach ihnen die Zeit hätte messen können. Händler aus China boten Seide an und Porzellan, das so dünn war, dass man das Licht durch den Rand einer Schale sah. Händler aus Indien saßen zwischen Säcken mit Pfeffer und Zimtrinde und Stoffen in Farben, für die es in Buchara noch keine Namen gab. Wasserträger gingen mit prall gefüllten Ziegenhäuten durch die Menge und riefen ihren Preis, und ein Falkner führte einen Vogel mit lederner Haube spazieren, als sei es ein Fürst, der inkognito seine Stadt besichtigt.
Und dann waren da die Melonen.
Man muss an dieser Stelle von den Melonen erzählen, denn sie waren in jener Gegend keine gewöhnliche Frucht, sondern beinahe eine Währung. Aus Choresmien, dem Land am Unterlauf des Oxus, kamen Melonen, deren Ruf bis an den Hof der Kalifen in Bagdad reichte. Ein Geschichtsschreiber jener Zeit berichtet, man habe sie dorthin geschickt, verpackt in Behältern aus Blei, die mit Schnee gefüllt waren, damit sie die wochenlange Reise überstanden. Man stelle sich das vor: Karawanen, die durch Wüsten zogen, über Pässe und an Flüssen entlang, beladen mit Schnee, in dem eine Melone schlief wie ein Edelstein in einem Kästchen, nur damit ein Kalif in Bagdad im Hochsommer in etwas Kühles, Süßes beißen konnte. Es gibt nicht viele Dinge, die mehr über ein Zeitalter verraten als die Mühe, die es sich um seine Genüsse macht.
Der Mann, zu dem Abdallah seinen Sohn führte, verkaufte solche Melonen nicht. Seine waren kleiner, gestreift wie die Kittel der Lastenträger, und sie kamen aus den Gärten vor der Stadt. Daneben türmte er Granatäpfel, Rüben, Zwiebeln, Bündel von Dill und Koriander, Körbe mit getrockneten Aprikosen. Er hieß, so wollen wir ihn nennen, Ja'far, und er war ein Mann von unbestimmbarem Alter, mit einem weißen Bart, der gelb wurde, wo er ihn beim Nachdenken zwischen den Fingern drehte, und mit einem grünen Turban, den er nach eigener Aussage seit dem Tod seiner Frau nicht mehr gewaschen hatte, weil sie die Letzte gewesen sei, die das richtig konnte.
Aber Ja'far war nicht wegen seiner Rüben berühmt.

Neun Zeichen und ein leerer Kreis
Neben seinen Körben, im Schatten der Schilfmatte, lag ein flaches Brett aus Walnussholz, kaum größer als ein Gebetsteppich für ein Kind, mit einem niedrigen Rand ringsum. Auf dem Brett lag feiner, heller Staub, so fein wie Mehl. Ja'far strich ihn mit der flachen Hand glatt, bis er spiegelte, nahm einen dünnen Stab aus Rohr und schrieb hinein.
„Das", sagte er, ohne aufzusehen, „ist das Rechnen der Kaufleute. Lange bevor dein Großvater geboren wurde, haben kluge Leute in Bagdad es in Bücher geschrieben. Einer von ihnen kam gar nicht weit von hier, aus Choresmien. Al-Chwarizmi hieß er. Aber Bücher braucht man dafür nicht. Man braucht Staub, einen Stock und einen Kopf, der nicht schläft."
Er zeichnete neun Zeichen in den Staub, eines neben das andere. Al-Husain kannte das Rechnen, wie man es in den Amtsstuben seines Vaters betrieb: mit Buchstaben, die zugleich Zahlen waren, mit Fingern, die man in bestimmte Stellungen bog, um Zehner und Hunderter festzuhalten, mit langen Kolonnen, in denen ein einziger Fehler eine ganze Steuerliste verdarb. Er hatte gesehen, wie die Schreiber dabei schwitzten.
Dann zeichnete Ja'far ein zehntes Zeichen. Einen kleinen Kreis.
„Und das?", fragte al-Husain.
„Das ist nichts", sagte Ja'far. „Die Araber nennen es sifr, das Leere. Es steht da, wo nichts ist."
„Warum schreibt man etwas hin, wo nichts ist?"
Der alte Mann lächelte zum ersten Mal, und man sah, dass ihm zwei Zähne fehlten, oben links, wie zwei leere Stellen in einer Zahl. „Weil das Nichts einen Platz braucht, Junge. Sieh her." Er schrieb eine Eins und daneben den Kreis. „Zehn." Er schrieb eine Eins und zwei Kreise. „Hundert." Er wischte mit dem Daumen einen Kreis weg. „Wieder zehn. Der Wert eines Zeichens hängt davon ab, wo es steht. Die Eins ganz rechts ist eine Eins. Rückt sie einen Platz nach links, ist sie zehnmal so viel. Und das Leere hält ihr den Platz frei, damit sie nicht zurückrutscht."
Al-Husain starrte auf den Staub. Etwas in ihm, das bis dahin in einer Kammer gesessen hatte, stand auf und öffnete ein Fenster.
Man kann heute kaum noch ermessen, was diese Art zu rechnen bedeutete, weil wir sie mit der Muttermilch aufnehmen. Aber in jenen Jahren war sie eine Revolution, die leise in den Basaren begann, bei Leuten wie Ja'far, die schnell wissen mussten, was dreiundvierzig Rüben zu je sieben Kupfermünzen kosten, wenn der Kunde zwei zurückgibt und für den Rest mit einem Huhn bezahlt. Mit den neun Zeichen und dem Leeren konnte ein Gemüsehändler in einem Atemzug rechnen, wofür ein Gelehrter mit Buchstabenzahlen eine halbe Stunde brauchte. Der Staub war dabei kein Notbehelf, sondern ein Werkzeug von großer Eleganz: Man schrieb, man rechnete, man strich mit der Hand darüber, und der Fehler war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Die Gelehrten nannten es deshalb auch das Staubrechnen. Erst Jahrhunderte später, als diese Zeichen auf dem Umweg über Spanien und Italien nach Europa gelangten, würden Kaufleute in Florenz und Pisa sie „arabische Zahlen" nennen und darüber streiten, ob man ihnen trauen dürfe, weil man eine Null so leicht in eine Sechs verwandeln könne. Aber das ist eine andere Geschichte, und Ja'far hätte darüber nur gelacht.
Al-Husain kam am nächsten Tag wieder. Und am übernächsten. Er saß zwischen den Körben, während Ja'far Rüben wog und mit Kundinnen um Granatäpfel stritt, und rechnete im Staub. Er rechnete, was ein Kamel tragen konnte, wenn man ihm vier Säcke Reis aufbürdete und jeder Sack ein Drittel mehr wog als ein Kind. Er rechnete, wie viele Ziegel im Grabmal der Samaniden steckten, wenn man nur die sichtbaren zählte, und kam auf eine Zahl, die Ja'far für erfunden hielt, bis er sie nachprüfte und schwieg. Er rechnete, wie viele Tage ein Brief bis Bagdad brauchte und wie viele Melonen in einen Kasten Schnee passten. Eine weiße Katze, die zum Haushalt eines benachbarten Fischhändlers gehörte, ohne dass dieser davon wusste, legte sich jeden Mittag mitten auf das Brett und zerstörte mit einer einzigen behaglichen Drehung die Arbeit eines ganzen Vormittags. Al-Husain lernte, sie nicht zu verscheuchen. Er lernte, die Rechnung im Kopf zu behalten, bis die Katze wieder ging.
Nach ein paar Wochen sagte Ja'far zu Abdallah, als dieser seinen Sohn am Abend abholte: „Nimm ihn mit. Ich habe ihm nichts mehr beizubringen. Wenn er noch länger bleibt, wird er anfangen, meine Preise zu prüfen."
Der Asket
Ein Junge, der so rechnen kann, braucht nach der Überzeugung seines Vaters vor allem eines: ein Fundament, das ihn trägt, wenn der Kopf zu schnell wird. Und so schickte Abdallah ihn als Nächstes zu einem Mann, der in der ganzen Stadt nur „Ismail der Asket" hieß.
Ismail lehrte die Rechtskunde, das Wissen darüber, was erlaubt ist und was nicht, wie man erbt und wie man teilt, wie ein Vertrag gültig wird und wann ein Eid bindet. Er war ein hagerer Mann, der so wenig aß, dass seine Schüler Wetten darauf abschlossen, ob er überhaupt aß, und der in einem Zimmer unterrichtete, in dem es außer einer Matte, einem Wasserkrug und einem Regal mit Büchern nichts gab, nicht einmal einen Teppich. Wer zu ihm kam, setzte sich auf den nackten Boden. Im Winter, so erzählte man sich, kamen deshalb nur die wirklich Wissbegierigen.
Aber Ismail lehrte nicht nur, was in den Büchern stand. Er lehrte, wie man darüber streitet. In den Schulen jener Zeit galt das Streitgespräch als hohe Kunst. Ein Lehrer stellte eine Behauptung auf, und die Schüler mussten sie angreifen, mit Fragen, mit Einwänden, mit Gegenbeispielen, nach festen Regeln, so wie zwei Fechter nach festen Regeln die Klingen kreuzen. Wer fragte, musste genau fragen. Wer antwortete, durfte nicht ausweichen. Und wer einen Fehler in der Kette eines anderen fand, durfte nicht triumphieren, sondern musste zeigen, wie man die Kette repariert.
Es war, als habe man dem Jungen hinter dem Vorhang endlich erlaubt, laut zu sprechen.
Al-Husain wurde, wie er später selbst sagte, einer der geschicktesten Fragesteller. Er lernte, eine Behauptung nicht dort anzugreifen, wo sie am stärksten ist, sondern dort, wo sie am stillsten ist, an der Stelle, über die ihr Verteidiger am schnellsten hinwegredet. Er lernte, dass die gefährlichste Frage oft die einfachste ist. Und er lernte, dass man einen älteren Schüler, den man gerade widerlegt hat, besser nicht ansieht, wenn man ihn nicht zum Feind haben will. Diese letzte Lektion vergaß er öfter, als ihm guttat.
Ismail beobachtete ihn mit einem Gesichtsausdruck, den seine Schüler nicht deuten konnten. Einmal, nach einer Stunde, in der al-Husain drei ältere Schüler hintereinander in Widersprüche verwickelt hatte, behielt der Asket ihn zurück.
„Du gewinnst gern", sagte er.
„Ich habe recht gehabt", sagte al-Husain.
„Das ist nicht dasselbe." Ismail goss Wasser aus dem Krug in eine Schale und reichte sie ihm. „Ein Mann, der nur gewinnen will, hört auf zu fragen, sobald er gewonnen hat. Ein Mann, der die Wahrheit will, fragt weiter, auch wenn er gewonnen hat. Sogar dann besonders. Merk dir das. Eines Tages wirst du niemanden mehr haben, der dir widerspricht. Dann musst du es selbst tun."
Al-Husain trank das Wasser. Er war elf oder zwölf Jahre alt, und er verstand den Satz nicht ganz. Aber er merkte ihn sich, so wie er sich alles merkte. Es sollten Jahrzehnte vergehen, bis er ihn wirklich verstand.
Der Fremde mit den Schriftrollen
An einem Abend im Spätherbst, als die Schwalben über den Dächern ihre letzten Kreise zogen, bevor sie nach Süden verschwanden, kam ein Reiter in die Gasse, in der Abdallahs Haus stand. Er saß auf einem Maultier, das so staubig war, dass man seine Farbe nicht erkennen konnte, und hinter ihm trottete ein zweites Tier, beladen mit Kisten aus Leder und mit Körben, aus denen die Enden von Schriftrollen ragten wie Brot aus dem Korb eines Bäckers.
Der Mann war groß und hager, mit einem dunklen Bart, in dem der Staub der Straße hing, und mit Augen, die alles musterten, als wollten sie es katalogisieren: das Tor, den Hof, den Feigenbaum, das Wasserbecken, in dem die ersten Sterne schwammen. Er stieg ab, legte die Hand aufs Herz, grüßte Abdallah, der ihm entgegenkam, mit dem Friedensgruß und sagte seinen Namen. Abu Abdallah al-Natili. Er komme, sagte er, von weit her, und er verstehe sich auf die Philosophie.
Al-Husain stand hinter der geschnitzten Tür zum Frauenhof, die einen Spalt offen war, und Mahmud stand hinter ihm und hielt sich an seinem Gewand fest. Der Junge sah, wie die Diener die Kisten abluden. Er sah, wie einer der Körbe kippte und eine Rolle herausfiel, sich im Fallen ein Stück weit öffnete und auf dem Boden liegen blieb, im Licht der Laterne, die gerade angezündet wurde. Das Pergament war gelb und an den Rändern ausgefranst wie ein alter Saum. Darauf waren keine Buchstaben zu sehen, sondern Kreise, die einander schnitten, Linien, die von Punkten ausgingen, Dreiecke, in denen kleinere Dreiecke steckten wie Kinder in den Armen ihrer Mütter.

Al-Natili hob die Rolle auf, blies den Staub davon und rollte sie behutsam wieder zusammen, wie man eine Wunde verbindet.
Dann sagte Abdallah etwas, das al-Husain zunächst nicht glauben konnte. „Du wirst bei uns wohnen", sagte er zu dem Fremden. „So lange du willst. Ich bitte dich nur um eines: Unterrichte meinen Sohn."
Al-Natili wandte den Kopf. Sein Blick wanderte über den Hof, über das Becken, über den Feigenbaum, bis er an der geschnitzten Tür hängen blieb. An dem Spalt. An dem Auge dahinter.
„Morgen", sagte er, ohne den Blick abzuwenden, „fangen wir mit der Logik an. Mit der Frage, was eine Gattung ist."
Er lächelte dabei, wie Lehrer lächeln, die glauben, dass sie wissen, was kommt.
Er wusste es nicht.
Fortsetzung folgt in zwei Wochen, am Donnerstag, 29. Oktober: Kapitel 3, „Der Lehrer, der zum Schüler wurde".
Körperwissen aus diesem Kapitel: Warum Kinder so schnell lernen
Dass al-Husain mit zehn Jahren in wenigen Wochen eine neue Art zu rechnen beherrschte, ist ungewöhnlich, aber nicht rätselhaft. Das kindliche Gehirn ist auf Lernen gebaut. In den ersten Lebensjahren bildet es weit mehr Verbindungen zwischen Nervenzellen, als es später behält. Danach beginnt ein langer Umbau, der bis weit ins Jugendalter reicht: Verbindungen, die oft benutzt werden, werden gestärkt und mit einer isolierenden Hülle umgeben, die Signale schneller leitet. Verbindungen, die kaum gebraucht werden, werden abgebaut. Das Gehirn eines Kindes formt sich also wörtlich nach dem, was es tut. Wer jeden Tag rechnet, liest oder ein Instrument spielt, baut die Wege dafür aus. Auch Erwachsene lernen ihr Leben lang, nur langsamer und mit mehr Wiederholung. Der Rat des Asketen gilt deshalb auch für das Gehirn: Nicht aufhören zu fragen, auch wenn man glaubt, schon gewonnen zu haben.
Was ist wahr, was erzählt?
Aus Ibn Sinas eigener Lebensbeschreibung: Vater und Bruder hörten den Werbern der ismailitischen Bewegung zu; der Junge verstand ihre Lehre, aber „seine Seele nahm sie nicht an". Die Gäste sprachen auch über Philosophie, Geometrie und das Rechnen. Daraufhin schickte ihn sein Vater zu einem Gemüsehändler, der diese Art zu rechnen benutzte, und er lernte es bei ihm. Danach studierte er Rechtskunde bei Ismail dem Asketen und wurde nach eigener Aussage einer der besten Fragesteller, geübt in Einwand und Widerlegung nach der Art der Disputierenden. Dann kam Abu Abdallah al-Natili nach Buchara, der sich als Kenner der Philosophie ausgab, und der Vater nahm ihn in sein Haus auf, damit er den Sohn unterrichte.
Aus der Geschichte der Zeit: das Rechnen auf dem Staubbrett, das Wort sifr („leer") für die Null, das Buch des al-Chwarizmi aus Choresmien über das Rechnen mit neun Zeichen und der Null, die Melonen aus Choresmien, die nach dem Bericht des Geschichtsschreibers ath-Tha'alibi in Blei und Schnee an den Hof nach Bagdad geschickt wurden, das Grabmal der Samaniden und die Zitadelle von Buchara.
Erzählt: der Name und die Figur des Gemüsehändlers („Ja'far" ist erfunden; in der Lebensbeschreibung bleibt er namenlos), die Szene, in der der Junge den Gästen widerspricht, alle Dialoge, die weiße Katze, das Gespräch mit Ismail über das Gewinnen und die Ankunft al-Natilis mit den Schriftrollen. Das Jahr 380 der Hidschra (990) ist eine Annäherung; die Lebensbeschreibung nennt für diese Jahre keine genauen Daten.
Quellen:
- Sīrat asch-Schaich ar-Ra'īs, Ibn Sinas eigene Lebensbeschreibung auf Arabisch, diktiert seinem Schüler Abu Ubaid al-Dschuzdschani und von diesem fortgesetzt (11. Jahrhundert)
- Ibn Abi Usaibi'a, Uyūn al-Anbā' fī Tabaqāt al-Atibbā' („Quellen der Nachrichten über die Klassen der Ärzte"), Damaskus, 13. Jahrhundert, mit dem Text der Lebensbeschreibung
- Dschamal ad-Din al-Qifti, Ta'rīch al-Hukamā' („Geschichte der Gelehrten"), Aleppo, 13. Jahrhundert
- Zahir ad-Din al-Baihaqi, Tatimmat Siwān al-Hikma, Chorasan, 12. Jahrhundert
- Nizami Arudi Samarqandi, Tschahār Maqāla („Vier Abhandlungen"), Persisch, 12. Jahrhundert
- Abu Bakr an-Narschachi, Tārīch-i Buchārā („Geschichte Bucharas"), 10. Jahrhundert, persische Fassung 1128: Stadt, Zitadelle und Kanäle
- Abu Mansur ath-Tha'alibi, Latā'if al-Ma'ārif, Nischapur, 11. Jahrhundert: die Melonen aus Choresmien
- Moderne kritische Ausgabe der Lebensbeschreibung: W. E. Gohlman, The Life of Ibn Sina, 1974
