Was ist das Temperament nach Ibn Sina?

Für Ibn Sina war jeder Mensch eine eigene Mischung. Im ersten Buch seines Kanons der Medizin beschreibt er das Temperament (arabisch: Mizadsch) als die Mischung aus zwei Gegensatzpaaren: warm und kalt, feucht und trocken. Daraus ergeben sich vier zusammengesetzte Temperamente: warm und trocken, warm und feucht, kalt und feucht, kalt und trocken. Dazu kommt das ausgeglichene Temperament, das für Ibn Sina das Ziel war, das es in reiner Form aber bei keinem Menschen gibt.

Woran erkennt man das Temperament?

Ibn Sina nennt zehn Zeichen, auf die ein Arzt achten soll. Unser Test folgt ihnen:

  1. die Berührung: ob sich die Haut warm oder kühl, weich oder trocken anfühlt
  2. Fleisch und Fett: der Körperbau
  3. die Haare: wie dicht sie sind und wie schnell sie wachsen
  4. die Farbe von Haut und Gesicht
  5. der Bau der Glieder, etwa wie deutlich die Adern hervortreten
  6. wie schnell jemand auf Wärme, Kälte und Trockenheit von außen reagiert
  7. Schlafen und Wachen
  8. die Handlungen: Tempo, Lernen, Durst
  9. die Ausscheidungen
  10. die Regungen der Seele: wie schnell jemand zornig wird und wie lange ein Gefühl anhält

Warum das Temperament wichtig war

Ibn Sinas Grundregel lautete: Das Ähnliche bewahrt, das Gegenteil heilt. Wer gesund ist, soll leben, wie es seinem Temperament entspricht. Wer aus dem Gleichgewicht geraten ist, braucht das Gegenteil. Einem hitzigen, trockenen Menschen empfahl er deshalb kühlende, feuchte Speisen, einem kalten und feuchten Menschen wärmende. Essen, Bewegung, Schlaf, Luft, Ausscheidung und Gemüt waren für ihn die sechs Dinge, mit denen jeder selbst für seine Gesundheit sorgen kann.

Und heute?

Die Lehre vom Temperament ist ein historisches Denkmodell, keine moderne Diagnose. Sie lebt aber weiter: In Iran wird sie an medizinischen Fakultäten gelehrt, und Forschende haben Fragebögen entwickelt, um das Temperament nach Ibn Sina messbar zu machen und mit heutigen Werten zu vergleichen, etwa in dieser Studie aus Isfahan und dieser Untersuchung.

Quellen

  • Ibn Sina: al-Qānūn fī ṭ-Ṭibb (Der Kanon der Medizin), Buch I, Abschnitt über das Temperament und seine Zeichen
  • Ismāʿīl al-Dschurdschānī: Dhachīra-yi Chwārazmschāhī, persische Enzyklopädie der Medizin, 12. Jahrhundert

Mehr über das Buch: Der Kanon der Medizin: Wie Avicenna 600 Jahre die Heilkunst prägte